🇨🇦 Kanada 🇨🇦 – Tag 145: Meile 2646 – 2653

Es ist 5Uhr und ich kann nicht mehr schlafen – wir gehen aber erst um 7:30am los. Am Ende einer langen Reise ist es immer ein komisches Gefühl. Monatelang, jahrelang freut man sich darauf, bereitet alles vor – und dann ist es schon vorbei.

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Um sieben Uhr sind wir dann losgelaufen. Die letzten 7 Meilen bis nach Canada. Durch meinen Kopf gingen die Melodien von „The final Countdown“ und die Dark-Vader-Endgegnermelodie. Die letzten Meilen bezwingen. Ein letztes Stück mit dem Pinguin. Ein letztes Stück mit TwoPly.

Plötzlich war im Wald eine Schneise zu erkennen… sie kommt näher, die Grenze…

Auf der letzten Meile hat TwoPly patriotische Canadische Lieder gespielt, die wir beim erreichen der Grenze gesungen haben. Und stand das Monument vor uns. Welcome to Canada! You have reached your destination. Aus, aus, das Spiel ist aus. I’ve had the time of my life. Someday soon this will be someone else‘s dream. The Dream is over. Don’t stop me now! Konfuse Gefühle.

Letztendlich weiß ich es zu schätzen, dass der Trail zu Ende ist solange es mit an den sonnigen Tagen noch Spaß macht. Und es war schön dass wir alle am Monument waren: Der Pinguin, Shadow, Flash, Guru, TwoPly, Fireballs*, TripleDome. Und zwei Mädels die keiner kannte 😃

TwoPly hatte zum Aufwärmen eine kleine Flasche Cäptn Morgan dabei – Flash durfte natürlich nur auf der kanadischen Seite der Grenze ein Schlückchen nehmen – sie ist ja erst 20. Shadow hatte eine kleine Flasche Sekt dabei. Dann haben wir die obligatorischen Monument Fotos geschossen.

Es war unglaublich kalt, ich konnte kaum etwas ins Trail Register schreiben, da meine Hand so gezittert hat. Fast hätte ich sogar noch Straight Mike getroffen – er war gestern am Monument und läuft zurück zum Hart’s Pass, aber leider hab ich ihm nicht gesehen.

Nach dem Monument hatten wir noch 8 Meilen zum Manning Park zu laufen – das waren die letzten Wandermeilen für dieses Jahr, jetzt kann sich der Körper erstmal erholen.

In Manning Park gab es dann gleich eine schlechte Nachricht: Sowohl die Lodge als auch das Hostel waren ausgebucht – aber wir könnten Zelten. Oh nein, ich will ein Bett! Trockene und warme Füße! Eine Dusche! Ein Hiker sagte uns zum Glück, dass man hier auch ein kleines Häuschen mieten kann – das hat die businessorientierte Rezeptionistin vergessen zu erwähnen. Kostet zwar 360 kanadische Dollar, aber wir sind ja mind. 6 Leute. Reserviert. Bett gesichert. Insgesamt sind wir jetzt zu acht, teilen uns die Hütte noch mit Campfinder und Amazone, einem PCT Pärchen.

Beim Lunch war ich etwas überfordert- man will ja mit allein ein letztes Mal reden – aber das ist so ein Chaos mit so vielen Leuten. TwoPly und Guru sind mittags abgeholt worden, wir anderen sind geblieben. Nachmittags standen also wie immer Wäsche, Dusche und Wifi an.

Als ich E-Mails abrufen konnte, erwartete mich eine Überraschung: Christoph fährt heute Abend an Manning Park vorbei – ob ich schon dort bin. Perfektes Timing! Die beiden waren vor drei Tagen schonmal hier und haben mir einen Gruß im Trailregister hinterlassen 😊 Um acht Uhr hat das Restaurant geschlossen, und die beiden fuhren weiter.

Wir Hiker wollten eigentlich noch in den Pool – aber jeder war zu geschafft. Stattdessen haben wir acht Leute uns vor dem Kamin auf die beiden Sofas gequetscht und die letzten Trailstories ausgetauscht. Flash hat ihren Trailsong bekommen, als sie und hawaianische Hula-Moves gezeigt hat: Flashdance, was sonst 😃😃😃

Und das war der letzte Tag auf dem PCT.

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Jetzt habe ich es geschafft. 4279km. Plus Detouren um in die Stadt zu kommen, Feuer- und Brandgebiete zu vermeiden und natürlich um die Frösche zu schützen. 145 Tage im auf dem Trail, im Wald, im Zelt, in der Natur. 27.4. – 18.9.2018.

Ich habe so ein unglaubliches Glück gehabt mit dem Trail: Ich musste keine Meile skippen, es war immer eine Detour verfügbar. Die Wüste dear nicht zu heiss. Die Sierra hatte nicht viel Schnee und die Flüsse waren passierbar. In Northern California und Oregon bin ich den Feuern entkommen – ich musste mich nur mit relativ leichtem Rauch rumschlagen. Und Washington hat sich mit dem Wetter… bemüht 😃 Aber hey, ich hatte insgesamt jetzt in fast 5 Monaten 5 richtig regnerische / verschneite Tage, das ist schön ok.

Schon verrückt, wie man allen Situationen auf dem Trail ausgesetzt ist: Hitze und Kälte, Sonne und Schnee, Feuer und Flüsse. Schlangen und Bären. Steile Abhänge und tote Bäume, die einen erschlagen wollen. Sand, Geröll, Vulkangestein und weicher Waldboden. Die Sonne bestimmt den Tagesablauf, die Wasserquellen die Pausen, die Höhenmeter die Campspots.

Ich hänge hier grade etwas in der Luft, morgen habe ich den ersten von vielen Zeros. Gut, Dusche, Wäsche waschen und Essen standen heute auch an. Aber kein Resupply. Und jedes Wiedersehen mit Trailfreunden hat einen bitteren Beigeschmack da es das letzte ist. Klar, einige wird man Wiedersehen. Aber nicht alle.

Ich werde den Trail, die Natur und die Menschen hier vermissen. Für 5 Monate bin ich mit der Gewissheit gelaufen, die Leute irgendwo auf dem Trail wiederzusehen – und oft war es ja auch so. Das wird sich nun ändern. In der Stadt riecht es nicht mehr nach Tannannadeln, das Wasser kommt aus dem Hahn anstatt aus kalten Bächen. Essen gibt es im Überfluss, wie eigentlich alles. Es warten keine phantastischen Aussichten mehr nach einem harten Anstieg.

Dafür warten andere Sachen: Freunde, Familie, trockene und warme Füße, deutsches Essen. Und bevor es am 2.10. zurück geht, habe ich ja erstmal noch ein paar Tage in Vancouver, Seattle und am Strand in LA 😎🤩

Der PCT ist zu Ende- aber die nächsten Abenteuer warten. Vielleicht geht’s als nächstes nach Asien – wandern im Himalaya und dann möchte ich gerne meinen Divemaster machen. Aber das hört sich alles schon fast lahm an. 2017 habe ich einen 6.400m hohen Gipfel bestiegen. 2018 laufe ich 4300km. Vielleicht sind die nächsten Trips etwas weniger abenteuerlich.

* Fireballs gewinnt den Award für die beste Trailname-Story. Er hat seinen Namen von einem Feuerwehrmann erhalten. In der Wüste hat er Wasser gekocht, das kochende Wasser aber leider verschüttet – über empfindliche Körperteile. Da die Verbrennung schlimm schien, hat er 911 angerufen und wurde von 8 Feuerwehrleuten ins Krankenhaus gefahren. Als der Feuerwehrmann die Tür vom Feuerwehrauto geschlossen hat, sagte er: You should be Fireballs 😃


9 Gedanken zu “🇨🇦 Kanada 🇨🇦 – Tag 145: Meile 2646 – 2653

  1. Hallo Tina und herzlichen Glückwunsch zum vollendeten Trail! 🙂 ich habe deine Berichte mit Spannung verfolgt und wünsche dir auch weiterhin viel trail magic auf deinem Weg.
    Liebe Grüße aus dem Yukon,
    Luisa

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  2. LIebe Tina,

    durch Zufall bin ich auf Deinen Block gestoßen und habe ihn die letzten Wochen mit Spannung verfolgt. Herzlichen Glückwunsch zum Thru-Hike! All die Erlebnisse werden Dich auf jeden Fall Dein Leben lang begleiten und Dich weiterbringen. Alles Gute für Deine Zukunft!

    Viele Grüße, Yvonne

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  3. Hallo Tina,

    Gratulation zum erfolgreichen Thru-Hike.

    Mein großer Respekt auch zu Deiner Disziplin täglich zu bloggen.

    Ich bin den PCT 2014 gelaufen und ich denke, dass dies die besten 5 Monate meines Lebens bis dato waren. Die Gemeinschaft am Trail war damals auch großartig und auch ich war etwas traurig als ich an der kanadischen Grenze ankam… Allerdings erinnere ich mich auch noch sehr gut daran wie sehr meine Beine geschmerzt haben.

    Heute hat mich natürlich schon lange das normale Leben wieder. Dennoch träume ich oft davon, irgendwann wieder einen long distance trail zu laufen und wieder einzutauchen in ein Leben mitten in der Natur. Meine Wanderstöcke von damals benutze ich immer noch. Sie tragen den harzigen Waldgeruch an sich der mich an diese schöne Zeit erinnert.

    Viele herzliche Grüße und weiterhin viel Freude beim Wandern.

    Robert (Blanco)

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  4. Hallo Tina,

    diesen Sommer haben mich Deine Posts begleitet. In Gedanken bin ich mit gelaufen. Die schönen Natur Aufnahmen, Deine positive Einstellung und Deinen Willen fand ich erfrischend. Selber möchte ich den Trail laufen, sobald meine Tochter Abi hat, also in drei Jahren…
    Gutes wieder Ankommen in der Zivilisation.

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  5. Hey Pocket Rocket,
    tolle Leistung! Herzlichen Glückwunsch zum Thruhike! Der Trail wird Dich nicht mehr verlassen, zumindest geht es den meisten Thruhikern so die ich kenne. Das ist auch der Grund warum ich jedes Jahr mit viel Begeisterung alle PCT Blogs durchstöbere und ihnen folge. 😉 Deiner war aber sicherlich einer der unterhaltsamsten. Was sagte man mir am Anfang des PCT, entweder man geht einen der drei National Scenic Trails oder alle drei. Also wer weiß? Der TeAraroa ist aber sicherlich auch ne nette Alternative! Also hike on und alles Gute!
    P.S. Ich hoffe der post-trail-blues trifft dich nicht zu hart. Für mich war Vancouver im Anschluß an den PCT schon ein kleiner Kultur-(oder Unkulter-) Schock.

    -Sasquatch

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