CHIMBORAZO (6.267m)

Am Mittwochmorgen habe ich mich kurzfristig dazu entschlossen, den Chimborazo jetzt auch ohne Partner zu besteigen, Banos wurde daher erstmal verschoben. Von Cuenca fährt man ca. sechs Stunden mit dem Bus nach Riobamba, das ist der Ausgangsort für die Chimborazo-Besteigungen. Ich war mal wieder die einzige Ausländerin im Bus, das wird hier so langsam normal…in Peru in den hochwertigen Reisebussen war das Verhältnis immer etwas anders. Allerdings konnte ich keine Wort Spanish von der Frau neben wir verstehen, vielleicht hat sie Quechua gesprochen? Keine Ahnung. Nach ca. 5 Stunden schau ich aus dem Fenster…Wahnsinn! Da ragt ein riesengroßer Vulkan mit einer Schneekoppe aus der Erde hervor, ein ganz schön fetter Brocken – CHIMBORAZO! Wenn man sich vorstellt, da am nächsten Tag hochzulaufen, wird einem doch schon ein klein wenig anders….

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Der Chimborazo war nach alten Messungen 6.300m hoch, nach neueren Messungen liegt der höchste Punkt bei 6.267m, ist aber immer noch der höchste Berg in Ecuador. Ein Fun-Fact: Chimborazo ist der Punkt auf der Erde, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist. Wie kann das, der Everest ist doch höher? Stimmt, aber die Erde ist halt nicht perfekt rund sondern eher Oval und daher ist der Chimborazo am weitesten vom Mittelpunkt der Erde entfernt, lt. Wikipedia sogar 2km mehr als der Everest. Die Normalroute ist wegen eines Steinschlags gesperrt, die Alternative Wymper Route ist etwas schwieriger und zwei Stunden länger. Vom Refugio startet man auf 4.800, geht über die Moräne, das Geröllfeld und dann weiter über den Gletscher zum Gipfel und macht dabei etwa 1.500 Höhenmeter.

Der Veranstalter hatte nur bis 18h geöffnet, da musste ich mich also sputen, damit ich das Equipment noch anprobieren konnte. Hat zum Glück alles gut geklappt – diesmal habe ich sogar superleichte LaSportiva Stiefel bekommen, mit denen kann man im Gegensatz zu den klobigen Plastikboots auch noch einigermaßen vernünftig laufen. Abends noch schnell eine Pizza gegessen und dann schnell ins Hotel ausruhen. In Riobamba habe ich nichtmal ein Hostel gefunden, daher ging es wieder ins Hotel für eine Nacht, ein schönes, ruhiges Einzelzimmer….denkste! Im Nebenzimmer wohnte ein kleiner Schreihals, fürchterlich 😉

Am Mittwoch sind wir morgens um 10 Uhr losgefahren zum Refugio. Auf dem Weg dorthin haben wir viele Vicunas gesehen, dass sind ja diese Llama-Bambi verschnitte. Den Chimborazo konnten wir leider nicht so schön sehen, da er sich in einer Wolke versteckt hat…Mist! Warum hab ich gestern nur keine Fotos gemacht?!? Der Berg ist dafür berüchtigt, sich gerne in Wolken zu Hüllen…aber dann! Nachdem wir etwas um den Vulkan herumgefahren sind, keine Wolken mehr! Auch oben beim Refugio war er in Poser-Stimmung, total blauer Himmel, Sonne, so ein schöner Berg! Da hat er sich echt von seiner besten Seite gezeigt, ich konnte es gar nicht fassen. Neben dem Refugio stehen übrigens viele Grabsteine…ohje sind die alle auf dem Gipfel gestorben?!? Ne, die Leute lassen sich nur gerne bei dem Vulkan begraben, alles gut. Um 17h gab es Abendessen im Refugio, eine Stunde später war dann schon Schlafenszeit, da der Wecker schon wieder um 21h klingelt…

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Zum Glück konnte ich nach dem Babygeschrei zwei Stunden schlafen, ohne Schlaf auf nen Gipfel ist immer eine schwierige Angelegenheit. Insgesamt sind vier Gruppen losgezogen, zwei Engländer, zwei Amis, ein Italiener und ich. Wir sind alle gemeinsam aufgebrochen und mussten dann erstmal den Trailhead suchen…von dem schönen Wetter am Nachmittag ist nichts mehr geblieben, es war super nebelig und man konnte nur ein paar Meter weit sehen. War ganz froh dass wir mit den anderen gelaufen sind, mein Guide war nämlich richtig blöde, aber später mehr dazu. Die anderen Guides waren jedenfalls supernett und lustig. Die Gruppe hat sich jedoch relativ schnell auseinander gezogen, die Engländer sind schnell zurückgefallen, als nächstes die Amis mit dem lustigen deutschsprechenden Guide. Der Italiener war aber recht fit so dass wir dann den Rest zu viert gegangen sind.

Der Aufstieg zum Gipfel hat Ewigkeiten gedauert, alleine das Geröllfeld war sicher vier Stunden lang, gegen 02:00 Uhr morgens haben wir erst den Gletscher erreicht. Zudem konnte man wegen des Nebels kaum was sehen (Ja klar war auch dunkel, aber sonst sieht man zumindest Konturen). Das Schnee/Eisfeld war noch viel unendlicher als die Moräne…aber wir waren gut unterwegs. Mein Guide war aber nur muffelig und wortkarg, etwas nervig. Immer wenn ich gefragt habe wie wir in der Zeit liegen kam nur ein Gebrummel. Naja der Guide vom Italiener war dafür aufmunternder, der hat sich mit dem Italiener erstaunt über die Chica’s fuertes de Alemania unterhalten und mir bestimmt fünfmal erzähl dass ich ne excelente excelente condición hab – ist halt nach Stunden auf dem Berg schön zu hören dass man sich ganz ordentlich schlägt.

Bei 5.800m gegen halb vier morgens hatte ich allerings einen ganz schönen Tiefpunkt…meine Waden waren kurz vorm krampfen, es ging schon seit Ewigkeiten sehr steil hoch, ich hatte nur eine Eisaxt da wir ja nicht klettern mussten und war irgendwie am Ende. Da ich ja anscheinend vorher recht gut unterwegs war und die Hälfte der Gruppen auch noch hinter uns waren, habe ich den Guide gebeten etwas langsamer zu gehen, da ich echt am Ende war. Das Arschloch hat aber nur weitergebrummelt und an dem Seil rumgezerrt als wäre ich ein störrischer Esel, damit ich weiterlaufe. Als ob wir ein Zeitproblem hätten! Ich brauch halt keine Pausen, ich muss nur das Tempo regulieren. Der Guide hat dafür am Anfang viele Pausen gemacht in denen einen nur kalt wird und das weiterlaufen mit den kalten Muskeln schwerer wird, keine Ahnung ob der versuchen wollte mich vor dem Gipfel ko zu kriegen.

Naja die nächste Pause war mir dann aber sehr willkommen, warme Sachen an und erstmal was essen. Was mal wieder meine Rettung war ist das Energy-Gel von Power-Bar, das war in den USA schon oft ein Wundermittel. Selbst mit brennenden Magen von der Anstrengung kann man das noch Essen und es gibt sofort krass viel Energie. Zudem friert es mi Gegensatz zu den Powerbars nicht ein. Nach der Pause war ich dann relativ schnell wieder fit, sogar so frisch wie kurz nach dem Start, das war schon krass, vor allem weil es immer mehr gen 6.000m ging. Sind dann irgendwann an dem Italiener vorbeigezogen, der grade seinen Tiefpunkt hatte und sind weiter hoch, mittlerweile ging mir der Guide eher etwas zu langsam, zudem hat der aus dem letzten Loch gepfiffen was ich etwas beunruhigend fand, naja. Aber der Guide gibt halt das Tempo vor damit man rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel ist. Das ist der Soll-Zustand. Wir waren so schnell unterwegs, dass wir schon eine Stunde vor Sonnenaufgang am Gipfel waren – warum zum Teufel durfte ich dann nicht langsamer laufen, als ich ko war?!? Eine Stunde zu früh bedeutet sich eine Stunde nicht zu bewegen, und das in der kältesten Stunde des Tages, nicht cool.

Nachdem ich ne halbe Stunde ner Schneekuhle gehockt hab kam auch die Italien-Gruppe an – anscheinend waren wir noch gar nicht auf dem richtigen Gipfel! Für den Kopf ist das richtig beschissen wenn Du denkst Du bist da und musst dann doch nochmal weiter, es war halt wirklich nicht unerheblich anstrengend…vor allem hatte ich vor der Pause noch meine starke Phase, von der Höhe nichts gemerkt. Mit den kalten Muskeln nach der Pause weiterzulaufen war wieder eine anstrengende Quälerei, aber nun gut, no pain no gain. Der Gipfel des Vulkans hat eine seeehr große Fläche, der ganze Krater ist quasi voll mit dem Gletscher, so mussten wir nochmal eine halbe Stunde weiter zum echten Gipfel laufen. Anstrengend!

Pünktlich zum “Sonnenaufgang” waren wir dann aber beim höchsten Punkt. Allerdings war der Gipfel immer noch in der Wolke, so dass man nur gesehen hat, dass der Himmel etwas heller wurde. Zudem war es fürchterlich kalt und so krass windig dass es einen fast von den Socken gehauen hat. Fotos konnte ich aufgrund der Kälte gar nicht machen, durch die Luftfeuchtigkeit aus der Wolke ist einfach alles eingefroren. Handy raus – Handy beschlägt – Handy gefroren. Alles, was der Luft ausgesetzt war, hat die Feuchtigkeit aufgenommen und ist gefroren, Lampe, Rucksack, Jacke, Hose, alles! Auch meine Wimpern haben etwas Feuchtigkeit abbekommen, so dass sie an meinem linken Auge oben und unten zusammen gefroren sind. Durch den Eissturm sind wir dann zurück zum Fake-Gipfel, dort hat der Guide noch ein paar richtig schlechte Fotos von mir gemacht, dann ist das Handy wieder gefroren. Zu dem Zeitpunkt waren mir Fotos dann auch recht egal, ich wollte nur noch runter in die wärmeren, geschützten Abschnitte und auftauen 🙂 Auf dem Weg nach unten haben wir noch die Amis getroffen, die noch am aufsteigen waren, von den Engländern war aber nix mehr zu sehen.

Der Abstieg war auch seeeeeehr lang…wurde wieder wie ein Esel gezogen, als ich das dritte mal durch das Zerren hingefallen bin ist mir der Kragen geplatzt und hab den angemotzt…keine Reaktion…Erst da fiel mir auf, dass der Kopfhörer im Ohr hatte, das ist mal ein no-go auf dem Berg zum einen, da die Kommunikation durch spanisches Englisch und deutsches Englisch eh schon leidet, man ist meist 10m durch das Seil getrennt und der Wind verzerrt alles total. Sollte einer stürzen und den Berg runter fallen, ist es sehr wichtig das der andere schnell reagiert und sich mit der Eisaxt sichert…geht also mal gar nicht. Ich will hier ja nicht schlecht über irgendwelche Agenturen oder Guides schreiben, aber falls ihr mal auf dem Vulkan möchtet kann Euch schon mal sagen mit wem ihr das nicht machen möchtet.

Nichtsdestotrotz bin ich happy, dass ich es bis zum Gipfel geschafft habe, das war bis jetzt mein höchster Berg, und Klima (Peru/Bolivien) und Budget (Aconcagua – sauteuer; ich hoffe ich werde in Argentinien nicht schwach) werden dieses Jahr wohl auch keinen höheren Berg mehr zulassen. Vielleicht such ich mir aber nochmal welche die technisch etwas schwieriger sind. Der Chimborazo war in einem sehr guten Zustand mit Schnee auf dem Gletscher und nur wenigen kleinen Gletscherspalten ohne steile Kletterhänge, so dass jeder der fit und an die Höhe gewöhnt ist da hoch laufen kann, die Challenge hier ist halt die Ausdauer.

Gestern bin ich dann noch von Riobamba weitergefahren nach Banos, heute werde ich erstmal zu den heißen Quellen fahren und mich ausruhen, Oberschenkel, Waden und Knie sind doch etwas mitgenommen von den 1.500m hoch und runter 🙂


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